Versorgt durch eine Henne
So überraschend und erschütternd auch diese Nachricht für Brenz war, ermannte er sich doch schnell im Glauben, machte seine Verbeugung und ging schweigend weg. Der Herzog rief ihm noch mit tiefer Bewegung nach: „Wenn Ihr Gott lieb seid, so wird Er über Euer Leben wachen."
Zu Hause angekommen, warf sich Brenz auf die Knie und empfahl sich Gott in ernstlichem Gebet. Als er aufstand, war es ihm, als spräche jemand zu ihm: „Nimm einen Laib Brot und gehe in die obere Stadt, und wo du eine Haustür offen findest, da geh hinein und verbirg dich unter dem Dach."
Brenz nahm dies als eine göttliche Weisung an und ging. Er fand alle Haustüren verschlossen bis an die letzte. Hier ging er hinein und gelangte, ohne von jemand bemerkt zu werden, bis unter das Dach, wo er zwischen aufgestapeltem Holz und dem Dach, auf Händen und Füßen kriechend, sich versteckte.
Schon am anderen Tag rückte der kaiserliche Oberst ein, ließ die Stadttore und alle Ausgänge besetzen und verlangte vom Herzog die Auslieferung des Brenz. Auf dessen eidliche Erklärung, dass er nicht wisse, wo Benz sei, ordnete jener eine strenge Hausdurchsuchung an, die volle 14 Tage dauerte.
Brenz hörte von der Straße herauf aus dem Gespräch der Leute täglich vom Werdegang der Untersuchung. Endlich kamen seine Feinde am letzten Tag auch in das Haus, wo er verborgen war.
Auf den Knien liegend und still betend, hörte er das Waffen Geklirr und wie die Krieger langsam von Zimmer zu Zimmer und von Treppe zu Treppe gingen, bis sie sich zuletzt auch seinem Versteck näherten.
Mehrmals stießen sie mit den Waffen an den Holzstapel, und er musste sogar einem Stich, der von oben herüberkam, ausweichen. Wie es ihm zumute war, als so alle Winkel des Dachraums durchsucht wurden, das lässt sich kaum nachempfinden.
Endlich hörte er zu seiner Freude das Kommandowort: „Fort — auch hier ist er nicht!"
Bald darauf erstattete der Oberst Bericht über das Ergebnis seiner Nachforschungen und fügte hinzu, er glaube nicht, dass Brenz in Stuttgart sei. Infolgedessen erfolgte der Befehl zum Abmarsch auf den folgenden Tag.
Aber wie hatte Brenz 14 Tage bloß mit einem Laib Brot leben können? Gott, der einst den Propheten Elia am Leben erhalten hat, indem Er ihn am Bach Krith durch Raben und nachher von einer Witwe in Zarpath durch wunderbare Mehrung der Lebensmittel ernähren ließ — dieser allmächtige Helfer und Beschützer hatte einer Henne geboten, Brenz zu versorgen.
Am ersten Tag schlich sich diese zwischen den Holzstapel und das Dach, legte ein Ei ganz nahe bei seinen Füßen und ging dann, gegen die Gewohnheit der Hühner, ganz still wieder weg. Brenz nahm das Ei, schnitt sich ein Stück Brot dazu und dankte Gott herzlich für diese Mahlzeit. Am anderen Tag kam die Henne wieder, und so die 14 Tage hindurch, immer zur gleichen Zeit, so dass Brenz täglich sein gutes Mahl genoss.
Merkwürdig war es, dass die Henne am 15. Tag nicht mehr kam, während Brenz am gleichen Tag von den Leuten auf der Straße sagen hörte:
„Jetzt sind sie fort!" Er blieb der Sicherheit wegen noch bis zum Abend und feierte den Rest des Tages mit Danken und Loben. Als es dunkel geworden war, kroch er hervor, kam unbemerkt aus dem Hause und eilte sogleich zum Herzog Ulrich. Dieser traute seinen Augen kaum.
„Wie ist's Euch denn gegangen, lieber Doktor?" war seine Anrede.
„Gut!" antwortete Brenz. „Wer hat Euch die lange Zeit hindurch erhalten?" Brenz erwiderte: „Gott!" und erzählte ihm den Vorfall mit der Henne.
„Und wie seid Ihr bei den Spaniern durch gekommen?"
„Auch gut, denn Gott hat mich beschützt!"
„Diesmal hatte ich die Hoffnung für Euch aufgegeben!"
„Ich auch!"
Der Herzog führte nun Brenz ans Fenster und bat ihn, mit ihm Gott zu loben für diese sichtbare Errettung aus des Feindes Hand.
Autor: Egon Waechter
Quelle: Samenkörner Nr. 5, Serie A St. Johannes- Druckerei, C. Lahr Dillingen
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